Das Unheimliche

Da wir für unsere erste Publikation noch etwas Zeit benötigen, wollen wir allerdings nicht rasten und die Hauptseite der MISKATONIC AVENUE etwas mit fürchterlichem Leben füllen. Tatsächlich ist das PHANTASTIKON ja durchaus voll davon, hier aber soll es etwas spezifischer zu gehen, vor allem, weil wir uns hier in erster Linie mit dem Unheimlichen beschäftigen werden.

Es gibt ein Sprichwort, das besagt, dass alle Wege nach Rom führen. Es stammt aus einer Zeit, in der sich das Römische Reich über die halbe bekannte Welt ausdehnte, und so ist es nicht verwunderlich, dass wirklich alle Wege nach Rom führten. Wenn wir eine Anthologie machen, die den Titel Miskatonic Avenue trägt, dann verhält es sich im übertragenen Sinne ganz ähnlich. Im Vorfeld wurde ich gefragt, ob es denn einen Bezug zu H.P. Lovecraft gebe. Diese Frage liegt nahe, schließlich steht Lovecraft für einige Begriffe der Popkultur Pate, die immer dann auftauchen, wenn wir über Horrorstorys oder unheimliche Erzählungen reden. Alle Wege führen zu Lovecraft, könnte man sagen. Die moderne Weird Fiction hat jedoch mehr zu bieten als ewige Anbetung und Nachahmung. Sie besinnt sich wieder auf ihre tiefere Herkunft aus dem Surrealismus, dem Kafkaesken, dem Theater des Absurden, geht hier und da Verbindungen mit dunkler Poesie, der Science Fiction und der Dark Fantasy ein, bleibt aber in ihrem Kern stets atmosphärisch und gespenstisch. Dass diese Art der Erzählung in unseren Breitengraden nie wirklich Fuß fassen konnte ist erstaunlich, bedenkt man, dass die Deutsche Romantik und der Deutsche Expressionismus neben der Englischen Geistergeschichte eine Säule des Unheimlichen darstellen. Nicht zu vergessen sind die phantastischen Blätter des Orchideengartens, des ersten phantastischen Magazins der Welt, das im Jahre 1919 die Dunkelheit der Welt erblickte. Im Ausland wird das durchaus so gesehen und gewürdigt, nur wir selbst scheinen uns literarisch ins Abseits gedrängt haben. Warum das so ist, das soll hier nicht erörtert werden. Stattdessen möchte ich noch einmal auf die Miskatonic Avenue zurückkommen. Meine Überlegung war, eine Anthologie mit Weird Fiction zu machen, einem Begriff, der nur notdürftig übersetzt werden kann. Im Merriam-Webster-Wörterbuch – einem der meistfrequentierten Wörterbücher weltweit – finden wir folgende Entsprechung des Begriffs: „Von, in Bezug auf, oder verursacht durch … das Übernatürliche, magische.“

Doch das ist nicht alles. Heute wimmelt es geradezu von Autoren (in den USA), die eine moderne Variante der Weird Fiction schreiben. Sie bedienen sich den Elementen, Handlungen und Stimmungen und Tropen des Horrors, der Fantasy, der Science Fiction, der Geistergeschichte, der unheimlichen Erzählung, der Groteske, der Mythologie, der Kriminal- und Abenteuergeschichte. Eine Erzählung, die mehr als eine dieser Traditionen bedient, wird gemeinhin als Weird tituliert. Wie gesagt bleibt eine adäquate Übersetzung auf der Strecke. Und weil das so ist, bot sich Miskatonic als Synonym an. Allein der Klang verheißt nichts Gutes. Lovecrafts Fluss ist eine moderne Variante des Acheron, eines der Flüsse der griechischen Unterwelt. Dass ein Fluss eine Grenzlinie bildet ist eine der ältesten Metaphern der Menschheit. Aber nicht nur das, denn ein Fluss mäandert ebenso durch ein Land, verändert sich, wird laut, wird wieder leise. Das erscheint doch passend für ein Vorhaben dieser Art. Verstärkt wird dieses Bild meiner Meinung nach noch durch eine Straße, die Avenue. Man kann sich leicht vorstellen, dass dort allerhand geschehen mag, dass man sehr merkwürdige Dinge beobachten wird, wenn man dort ansässig ist und aus dem Fenster sieht.

Wir wollen aber die heimische Kunst nicht aus den Augen verlieren, auch wenn ich jemand bin, der selten ein gutes Haar an ihr lässt. Auch bei uns gibt es Perlen der unheimlichen Literatur, und im Laufe der Zeit werde ich versuchen, sie zu finden.

Schriftsteller und Übersetzer, 1969 im Fichtelgebirge geboren, lebt derzeit in Kempten im Allgäu. 2014 Gründer des Phantastikon, mehrere Veröffentlichungen der experimentellen Literatur, schreibt auch Kurzgeschichten und atmosphärische Flash Fiction oder Grotesken. Erwartet von der Entwicklung der Horrorstory ein neues Niveau wie es etwa bei Michael Cisco, Franz Kafka, Thomas Ligotti oder Bruno Schulz vorherrscht.

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